9. Sinfoniekonzert

Joseph Haydn
Sinfonie Nr. 70 D-Dur Hob. I:70

Erwin Schulhoff
Konzert für Klavier und kleines Orchester op. 43

Alfredo Casella
Pupazzetti. Fünf Stücke für Marionetten op. 27bis

Igor Strawinsky
Pulcinella. Suite für Orchester

Klavier • Herbert Schuch
Dirigentin • Anna Rakitina

Zur Eröffnung des 9. Sinfoniekonzertes hat die junge russische Dirigentin Anna Rakitina die Sinfonie Nr. 70 von Joseph Haydn ausgewählt, die durch ihre komplexen Dur-Moll-Gegensätze auffällt.

Reizvoll und originell ist auch das Solokonzert, mit dem der in Mainz bereits mehrfach umjubelte Pianist Herbert Schuch zum Philharmonischen Staatsorchester Mainz zurückkehrt: Erwin Schulhoffs Konzert für Klavier und kleines Orchester op. 43 aus dem Jahr 1923 ist eine wilde Mischung aus impressionistischen, spätromantischen und vom Jazz inspirierten Klängen und Rhythmen. Breit angelegte Klangflächen, die wie Wogen langsam an Land rollen, stehen einer fast barbarischen Lust an Rhythmus, Lärm und Ekstase gegenüber.

Die Komposition Pupazzetti op. 27bis von Alfredo Casella trägt den Untertitel „Fünf Stücke für Marionetten“. Bitonalität, Chromatik und rhythmische Strukturierung kennzeichnen die scharf, witzig und knapp formulierten Sätze, deren insgesamte Stimmung wie eine leichtfüßige musikalische Neckerei über die fünf Genres Marcietta, Berceuse, Serenata, Notturnino und Polka wirkt.

Igor Strawinskys Orchestersuite Pulcinella beschließt den Abend und zugleich die Konzertsaison 2020/21. Ausgehend von Themen des barocken Großmeisters Giovanni Battista Pergolesi formte Strawinsky zunächst eine Ballettmusik über den schlitzohrigen Hallodri Pulcinella, eine der typischen Figuren aus der italienischen Commedia dell’arte mit ihrem Improvisationstheater. Jedoch nach seinen neoklassizistischen Vorstellungen: Er bewahrte die Grundlinien der Partitur aus dem 18. Jahrhundert, gab aber den Harmonien einen modernen, persönlichen Anstrich, veränderte Phrasen und Melodik und setzte höchst raffinierte Klangfarben ein. 1922 stellte der Komponist aus dem Ballett eine achtsätzige Orchestersuite zusammen – ein geistreiches, bezauberndes Werk, bei dem Pergolesis und Strawinskys Kompositionsmethoden wunderbar verschmelzen.

© Julia Gubankova

Anna Rakitina · Dirigentin

Die junge russische Dirigentin Anna Rakitina wurde – als erst zweite Frau in der Geschichte des Orchesters – ab der Saison 2019/20 für zwei Jahre zum Assistant Conductor des Boston Symphony Orchestra und dessen Musikdirektor Andris Nelsons ernannt. Zusätzlich zu ihren Verpflichtungen in Boston war sie in der Saison 2019/20 Dudamel Fellow beim Los Angeles Philharmonic und dessen Musikdirektor Gustavo Dudamel und hat in dieser Position u.a. die Los Angeles Philharmonic Youth Concerts in der Walt Disney Concert Hall dirigiert.

Anna Rakitina gewann den Zweiten Preis bei der Malko Competition in Kopenhagen 2018 sowie Preise beim Deutschen Dirigentenpreis in Köln 2017 und der TCO International Conducting Competition in Taipeh 2015. Sie dirigierte bereits zahlreiche renommierte Klangkörper wie das Orchestre Philharmonique de Radio France, das Danish National Symphony Orchestra, das WDR Sinfonieorchester, das Gürzenich-Orchester Köln, das Frankfurter Opern- und Museumsorchester, die Symphoniker Hamburg, das Orchestra di Maggio Musicale Fiorentino, die Lucerne Festival Strings, das Lucerne Festival Academy Orchestra, das National Philharmonic Orchestra of Russia, das Bucharest George Enescu Philharmonic Orchestra, das Taipei Symphony Orchestra und das National Taiwan Symphony Orchestra.

In der Saison 2020/21 gibt Anna Rakitina ihr Debüt u.a. beim Orchestre de Paris, beim Orchestre National de Lille, beim Orchestre de Chambre de Lausanne sowie beim Helsingborg Symphony Orchestra.

Anna Rakitina wurde in Moskau geboren, erwarb am dortigen Konservatorium zwei Diplome in Dirigieren und Musikwissenschaft und schloss 2018 ihr zusätzliches Dirigierstudium an der Hochschule für Musik und Theater Hamburg ab. Sie nahm an Meisterklassen mit Alan Gilbert und Bernard Haitink in Luzern teil, weitere Impulse erhielt sie von Gennadiy Rozhdestvensky, Vladimir Jurowski und Johannes Schlaefli. Während ihres Studiums leitete sie Opernaufführungen unter anderem von „Eugen Onegin“ und „Iolanta“ von Pjotr Tschaikowski, „Aleko“ von Sergej Rachmaninow und „The Rape of Lucretia“ von Benjamin Britten.

Gemeinsam mit dem Dirigenten Sergei Akimov gründete Anna Rakitina das Moskauer Kammerorchester „Affretando“, ein Ensemble, das in Russland durch sein hohes künstlerisches Niveau und die interessanten Programme von sich reden macht.

© Felix Broede

Herbert Schuch · Klavier

Der Pianist Herbert Schuch hat sich mit seinen dramaturgisch durchdachten Konzertprogrammen und CD-Aufnahmen als einer der interessantesten Musiker seiner Generation einen Namen gemacht. 2013 erhielt er den ECHO Klassik für seine Aufnahme des Klavierkonzerts von Viktor Ullmann sowie Beethovens Klavierkonzert Nr. 3 gemeinsam mit dem WDR Sinfonieorchester unter der Leitung von Olari Elts. In 2014 erschien die aufsehenerregende Solo-CD „invocation“ mit Werken von Bach, Liszt, Messiaen, Murail und Ravel, die sich mit Glockenklängen auseinandersetzt. Mit diesem Programm war er in Klavierabenden u.a. bei den Salzburger Festspielen, dem Musikfest Stuttgart, der Frauenkirche Dresden und in der Philharmonie Berlin zu erleben. Anfang 2017 erschien eine Klavierduo-CD mit Gülru Ensari mit Werken von Brahms, Hindemith, Stravinsky und Özkan Manav.

Herbert Schuch arbeitete unter anderem mit Orchestern wie dem London Philharmonic Orchestra, dem NHK Symphony Orchestra, der Camerata Salzburg, dem Residentie Orkest Den Haag, den Bamberger Symphonikern, der Dresdner Philharmonie und den Rundfunkorchestern des hr, MDR, WDR, NDR Hannover und Danish Radio. Er ist regelmäßig Gast bei Festspielen wie dem Heidelberger Frühling, dem Kissinger Sommer, dem Rheingau Musik Festival, dem Klavier-Festival Ruhr und den Salzburger Festspielen. Eine erfolgreiche Zusammenarbeit verbindet ihn mit Dirigenten wie Pierre Boulez, Andrey Boreyko, Douglas Boyd, Lawrence Foster, Eivind Gullberg Jensen, Jakub Hrusa, Jun Märkl, Yannick Nézet-Séguin, Jonathan Nott, Markus Poschner, Michael Sanderling und Alexander Vedernikov.

In jüngster Zeit spielte Herbert Schuch mit dem Orchester des Mariinsky Theaters unter Valery Gergiev im Münchner Gasteig, mit dem Deutschen Symphonie-Orchester Berlin in der Berliner Philharmonie, mit der Camerata Salzburg, mit dem Orchestra della Svizzera Italiana sowie mit dem Bundesjugendorchester auf Europa-Tournee und gab seine Debüts mit dem City of Birmingham Symphony Orchestra, im Washingtoner Kennedy Center, bei den Salzburger Osterfestspielen und beim Festival Radio France Occitanie Montpellier. Außerdem konzertierte er mit den Münchner Philharmonikern, mit der Dresdner Philharmonie, den Festival Strings Luzern und mit dem Orchestra della RAI Torino. In 17/18 stehen u.a. Wiedereinladungen beim WDR Sinfonieorchester, dem Konzerthausorchester Berlin und sein Debut in der Elbphilharmonie auf dem Programm.

Herbert Schuch spielte als Kind 10 Jahre lang auch Geige und ist seitdem begeisterter Kammermusiker: im Sommer 2017 unternahm er gemeinsam mit Julia Fischer und Daniel Müller-Schott eine Triotournee.

Er wurde 1979 in Temeschburg (Rumänien) geboren. Nach erstem Klavierunterricht in seiner Heimatstadt übersiedelte die Familie 1988 nach Deutschland, wo er seither lebt. Seine musikalischen Studien setzte er bei Kurt Hantsch und dann bei Prof. Karl-Heinz Kämmerling am Salzburger Mozarteum fort. In jüngster Zeit erfährt Herbert Schuch in besonderer Weise Prägung in der Begegnung und Arbeit mit Alfred Brendel. Internationales Aufsehen erregte er, als er innerhalb eines Jahres drei bedeutende Wettbewerbe in Folge gewann, den Casagrande-Wettbewerb, den London International Piano Competition und den Internationalen Beethovenwettbewerb Wien.

Herbert Schuch engagiert sich neben seiner Konzerttätigkeit in der von Lars Vogt gegründeten Organisation „Rhapsody in School“, welche sich für die Vermittlung von Klassik in Schulen einsetzt.